Aus aktuellem Anlass zum Jahresstart – und weil gerade wieder vielerorts dafür geworben wird – habe ich darüber nachgedacht, was „Stärk’ antrinken“ eigentlich bedeutet. Und was viele heute daraus machen. Einer solchen kollektiven Verführung zum Alkoholkonsum stehe ich eher skeptisch gegenüber – und auch mit einer gewissen Sorge. Nicht aus Prinzip, sondern weil ich beobachte, wie schnell aus einem gemeinschaftlichen Anlass sozialer Druck entsteht und wie leicht sich Zugehörigkeit plötzlich am Mitmachen misst.

Tradition und Bedeutung
Traditionen haben eine besondere Kraft. Sie verbinden Generationen, schaffen Verlässlichkeit und geben Halt. Auch das „Stärk’ antrinken“ gehört natürlich dazu – vor allem hier bei uns in Oberfranken. Das gemeinsame Anstoßen zum Jahresbeginn ist sinnbildlich ein Moment des Zusammenkommens, verbunden mit dem Wunsch nach Kraft, Gesundheit und einem guten Jahr.
Seit einigen Jahren beobachte ich diesen Brauch immer wieder und frage mich zunehmend:
Was ist das eigentlich für ein Brauch? Worauf wird angestoßen – und was wird unter „Stärk’ antrinken“ verstanden?
Aus diesem Grund bin ich etwas in die Geschichte eingetaucht und habe recherchiert, was dazu zu finden ist.
Von der Symbolik zur Fehlinterpretation
Historisch heißt es, man habe früher zwölf Seidla Bockbier getrunken, eines für jeden Monat des Jahres. Das war ganz klar als Symbol gedacht – nicht als Aufforderung und schon gar nicht als Maßstab.
Landläufig jedoch wird genau dieser Teil in breiten Teilen der Gesellschaft häufig hervorgehoben, ja sogar missverstanden:
Aus Symbolik wird Leistung. Aus Gemeinschaft wird Vergleich. Aus Anstoßen wird maßloses Betrinken.
Stärke scheint dann nicht mehr darin zu liegen, gemeinsam ins neue Jahr zu starten, sondern darin, wie viel jemand verträgt. Wer mithält, gehört dazu. Wer aussteigt, gilt schnell als Spielverderber. Und wer irgendwann nicht mehr mithalten kann, fällt leise aus der Gemeinschaft heraus.
Ein gesellschaftliches Muster
Dieses Muster beobachte ich nicht nur beim Alkohol. Es zieht sich durch viele gesellschaftliche Bereiche: Schule, Studium, Beruf, Sport. Immer wieder geht es um Durchhalten, Aushalten, Funktionieren. Grenzen gelten als Schwäche, Maßhalten als Mangel.
Und genau diese Denkweise spiegelt sich auch beim exzessiven Trinken wider – fast wie eine gesellschaftlich akzeptierte Bühne des Leistungsdenkens.
Besonders bitter wird es dort, wo Gruppenzwang zunächst Zugehörigkeit verspricht, später aber Ausgrenzung erzeugt. Wer mitmacht und dabei scheitert, wer abhängig wird, wer Hilfe braucht, steht plötzlich allein da. Die Gemeinschaft, die zuvor Stärke eingefordert hat, hält Schwäche oft nicht aus.
Der ursprüngliche Sinn
Dabei war der ursprüngliche Sinn ein anderer.
„Stärk’ antrinken“ bedeutete nie: möglichst viel trinken.
Es bedeutete: gemeinsam Stärke wünschen. Gemeinsam ins Jahr starten. Nicht allein sein.
Vielleicht ist es an der Zeit, diese Tradition neu – oder besser: wieder richtig – zu verstehen. Stärke zeigt sich nicht im Alkoholpegel. Sie zeigt sich darin, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Darin, niemanden unter Druck zu setzen. Darin, Gemeinschaft nicht an Bedingungen zu knüpfen.
Und ja: Man kann auch ohne Alkohol anstoßen. Mit Wasser, Saft, Tee – oder einfach mit einem ehrlichen Händedruck, einem Blick, einem Gespräch. Denn was wir besiegeln wollen, ist nicht das Getränk. Es sind gemeinsame Werte, gemeinsame Ziele und gegenseitiger Respekt.
Tradition weiterdenken
Traditionen dürfen in jedem Fall bleiben.
Aber sie dürfen – und müssen – sich weiterentwickeln.
Wenn „Stärk’ antrinken“ bedeutet, Gemeinschaft zu stärken, dann ist dieser Brauch aktueller denn je – gerade in Zeiten zunehmenden Egoismus’, bei Einzelnen ebenso wie bei ganzen Staaten. Zusammenhalt zu besiegeln muss nicht laut und nicht exzessiv sein, sondern bewusst und miteinander gelebt werden.
Genau darauf sollten wir anstoßen.
Einladung zum Austausch
Gelegenheit dazu bietet sich zum Beispiel:
- Stärk’ antrinken
Sonntag, 4. Januar 2026, ab 16 Uhr
Gaustadter Hauptstraße 28,
beim RKB Solidarität Bamberg-Gaustadt e. V.
(veranstaltet vom SPD-Ortsverein Gaustadt) - Traditionelles Eisstockschießen
Freitag, 9. Januar 2026, ab 17 Uhr
Wilde-Rose-Keller am Stephansberg
(veranstaltet vom SPD-Ortsverein Bamberg-Berg)
Beide Veranstaltungen bieten Raum für politischen Austausch, Diskussionen über lokale und überregionale Themen sowie Gespräche mit den Listenkandidat:innen im #TeamNiedermaier.
Im Mittelpunkt stehen dabei nicht Konsum oder Lautstärke, sondern Dialog, Haltung und demokratisches Miteinander – selbstverständlich auch ohne Alkohol.

