
In diesen Tagen hört man sie wieder überall: die Weihnachtsgeschichte.
Jedes Jahr. Vertraut, fast schon automatisch.
Das Krippenspiel gestern Nachmittag am Heiligen Abend in der Erlöserkirche in Bamberg – erzählt in einer etwas anderen Form, als Kinofilm – hat mich dazu gebracht, diese Geschichte einmal aufzudröseln und aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
Nicht fromm, nicht religiös, sondern aus heutiger Sicht.
Ich wollte wissen:
Was sagen uns diese Figuren eigentlich?
Wofür stehen sie?
Und was hat das alles mit unserem Zusammenleben heute zu tun?
Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto klarer wurde mir:
Diese Geschichte erzählt erstaunlich viel über unsere Gesellschaft.
Inspiriert haben mich dabei sowohl die biblische Auslegung selbst als auch Online-Recherchen zu zeitgemäßen, gesellschaftlichen Lesarten der Weihnachtsgeschichte, die mich immer wieder ins Nachdenken gebracht haben.
Da ist zuerst dieses Kind,
das in einem Stall geboren wird.
Nicht im Warmen, nicht im Sicheren, sondern dort, wo man eigentlich nichts Großes erwartet.
Für mich ist das ein starkes Bild.
Es sagt: Würde hat nichts mit Herkunft, Geld oder Status zu tun.
Ein Mensch ist wertvoll, einfach weil er da ist. Punkt.
Und vielleicht sollten wir uns genau daran öfter erinnern –
in einer Zeit, in der wir Menschen so schnell nach Leistung, Nutzen oder Zugehörigkeit sortieren.
Dann ist da Maria.
Jung, unsicher, ohne großen Plan B. Und trotzdem sagt sie Ja.
Nicht, weil alles klar ist, sondern obwohl so vieles offen bleibt.
Für mich steht Maria für Verantwortung.
Für den Mut, einen Schritt zu gehen, obwohl man nicht weiß, wie es ausgeht.
Das brauchen wir heute dringend:
Menschen, die Haltung zeigen, auch wenn es unbequem wird.
Die nicht erst handeln, wenn alles bis ins Letzte abgesichert ist.
Und dann Josef.
Er ist nicht laut. Er drängt sich nicht in den Mittelpunkt.
Aber er bleibt. Er schützt. Er trägt mit.
Hier musste ich unweigerlich an meine Arbeit im Fundraising bei den Johannitern denken.
Josef steht für all die Menschen, die Verantwortung übernehmen, ohne Applaus zu bekommen.
Für Care-Arbeit, Ehrenamt, Familienarbeit,
für das stille Mitziehen im Hintergrund.
Unsere Gesellschaft lebt genau von diesen Menschen –
und erkennt sie viel zu selten an.
Dann diese Szene: kein Platz in der Herberge.
Eigentlich ist alles da. Aber eben nicht für sie.
Das ist kein historisches Detail, das ist hochaktuell.
Denn auch heute haben wir oft genug Ressourcen –
Wohnungen, Möglichkeiten, Strukturen –
und trotzdem fallen Menschen durchs Raster.
Weil Regeln wichtiger sind als Menschlichkeit.
Weil niemand zuständig sein will.
Die Frage ist selten, ob Platz da ist.
Die Frage ist, ob wir bereit sind, Platz zu machen.
Die Engel bringen eine Botschaft:
„Fürchtet euch nicht.“
Das klingt simpel, ist aber enorm kraftvoll.
Angst lähmt Gesellschaften.
Sie macht eng, hart, misstrauisch.
Hoffnung dagegen öffnet.
Veränderung beginnt oft nicht mit neuen Gesetzen,
sondern mit neuen Erzählungen.
Mit Worten, die verbinden statt spalten.
Auch das ist politische Verantwortung.
Und dann sind da die Hirten.
Die Ersten, die davon erfahren.
Keine Eliten, keine Entscheidungsträger,
sondern einfache Leute. Menschen am Rand.
Das ist kein Zufall.
Es sagt:
Die Perspektive derer, die sonst übersehen werden, ist entscheidend.
Wer wissen will, wo etwas schiefläuft,
muss denen zuhören, die es jeden Tag spüren.
Beteiligung ist kein nettes Extra,
sondern Voraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft.
Und genau hier kommt mein politisches Engagement zum Tragen.
Der Stern schließlich.
Er gibt Orientierung.
Er löst keine Probleme, aber er zeigt eine Richtung.
Genau das fehlt uns heute oft.
Wir reagieren auf Krisen, aber wir verlieren den Kompass.
Freiheit, Würde, Gerechtigkeit und Solidarität
sind keine abstrakten Begriffe.
Sie sind der Stern, an dem wir Entscheidungen ausrichten sollten –
gerade dann, wenn es kompliziert wird.
Und dann kommen die Sterndeuter.
Suchende. Menschen von außen.
Sie bringen Wissen, Fragen und andere Perspektiven mit.
Für mich ist das ein starkes Bild für Offenheit.
Fortschritt entsteht nicht durch Abschottung,
sondern durch Austausch.
Eine gute Gesellschaft hat keine Angst vor Vielfalt,
sondern versteht sie als Stärke.
Wenn man all das zusammennimmt,
dann ist der „Heiland“ keine ferne religiöse Figur mehr.
Dann wird daraus ein Prinzip:
Hoffnung entsteht dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen.
Erlösung heißt dann nicht Perfektion,
sondern weniger Angst,
mehr Vertrauen,
mehr Miteinander.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieser Geschichte:
Dass eine gute Gesellschaft nicht von oben verordnet wird.
Sie entsteht im Kleinen.
Im Zuhören.
Im Dableiben.
Im Platzmachen.
Im Mut zur Haltung.
Und im Vertrauen darauf,
dass Menschlichkeit kein Luxus ist,
sondern die Grundlage von allem.
Gerade jetzt an Weihnachten und zwischen den Jahren lohnt es sich, daran zu erinnern.

