
Seit Wochen wird wieder über die „Arbeitsmoral der Deutschen“ diskutiert. Mehr arbeiten, länger arbeiten, weniger krank – so lauten die Schlagzeilen. Mich irritiert diese Debatte. Nicht, weil man nicht über Arbeit reden darf. Sondern weil so getan wird, als sei fehlende Leistung ein Charakterproblem.
Ich erlebe das anders. Ich sehe Menschen, die sich anstrengen, Verantwortung tragen und versuchen, Arbeit, Familie und Gesundheit irgendwie zusammenzubringen. Und ich sehe ein System, das ihnen dabei oft Steine in den Weg legt.
Deutschland hat eine hohe Erwerbstätigenquote. Gleichzeitig ist die Teilzeitquote hoch. Daraus wird schnell der Vorwurf gestrickt, viele wollten es sich bequem machen. Aber wer genauer hinschaut, merkt: Teilzeit ist für viele keine Wohlfühlentscheidung, sondern eine Notwendigkeit.
Eltern reduzieren ihre Arbeitszeit, weil sie schlicht keinen Ganztagsplatz finden. Pflegende Angehörige stemmen zusätzliche Aufgaben, meist leise und nebenbei. Und in ganzen Branchen – im Handel, in der Pflege, in der Gastronomie – gibt es Vollzeitstellen oft nur auf dem Papier. Wer dort arbeitet, bekommt Teilzeit angeboten, selbst wenn er oder sie mehr arbeiten möchte.
Auch der hohe Krankenstand wird gern moralisch aufgeladen. Das halte ich für falsch. Menschen werden nicht krank, weil sie keine Lust mehr haben, sondern weil Arbeit dichter, schneller und belastender geworden ist. Weil Personal fehlt. Weil psychische Belastungen zunehmen. Und weil Belegschaften älter werden. Das ist keine Schwäche – das ist Realität.
Statt ständig über „mehr Leistung“ zu reden, sollten wir uns ehrlich fragen:
Warum fällt es so vielen Menschen überhaupt schwer, so zu arbeiten, wie sie es eigentlich wollen?
Gerade hier beginnt Verantwortung nicht nur in Berlin oder in Vorstandsetagen, sondern ganz konkret vor Ort – auch in einer Stadt wie Bamberg.
Was eine Kommune wie Bamberg ganz konkret tun kann
Erstens: Ganztagsbetreuung verlässlich ausbauen.
Viele Eltern würden gerne mehr arbeiten – sie können es aber nicht. Nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil Plätze fehlen oder Betreuung nicht verlässlich ist. Eine Stadt kann hier steuern, investieren, priorisieren. Entscheidend ist nicht nur die Anzahl der Plätze, sondern das Vertrauen, dass Betreuung wirklich funktioniert. Ohne dieses Vertrauen bleibt jede Arbeitszeitdebatte theoretisch.
Zweitens: Betreuung an den Alltag der Menschen anpassen.
Das Leben hält sich selten an klassische Bürozeiten. Pflegekräfte, Verkäuferinnen, Handwerker oder Menschen in Schichtarbeit brauchen andere Lösungen. Kommunen können flexible Öffnungszeiten ermöglichen, Randzeitenangebote fördern oder neue Modelle ausprobieren. Gerade für Alleinerziehende entscheidet das darüber, ob Vollzeit möglich ist – oder eben nicht.
Drittens: Arbeitgeber mit ins Boot holen.
Eine Stadt kann moderieren, vernetzen und Impulse setzen. Sie kann Gespräche anstoßen zwischen Unternehmen, Einrichtungen und Trägern. Gute Beispiele sichtbar machen. Kooperationen ermöglichen. Wer Verantwortung teilt, stärkt nicht nur Familien, sondern auch den Wirtschaftsstandort insgesamt.
Ein ehrlicherer Blick auf Arbeit
Arbeit ist keine Frage der Moral, sondern der Rahmenbedingungen. Menschen wollen arbeiten. Sie wollen gebraucht werden. Sie wollen ihren Beitrag leisten. Aber sie brauchen Strukturen, die das ermöglichen – ohne krank zu werden oder ständig an Grenzen zu stoßen.
Ich wünsche mir eine Debatte, die nicht nach Schuldigen sucht, sondern nach Lösungen. Eine Debatte, die anerkennt, wie viel bereits geleistet wird – und die versteht, dass mehr Produktivität nicht durch Druck entsteht, sondern durch Verlässlichkeit, Gesundheit und Vereinbarkeit.
Eine Stadt wie Bamberg kann hier viel bewegen. Nicht mit großen Worten, sondern mit konkreten Entscheidungen, die den Alltag der Menschen wirklich erleichtern.
Und vielleicht sollten wir genau dort anfangen:
nicht bei der Frage, wer angeblich zu wenig leistet, sondern bei der Frage, wie wir Arbeit so gestalten, dass sie für alle tragfähig bleibt.
Wenn ihr diese Gedanken teilt, wenn ihr findet, dass Politik näher an der Lebensrealität der Menschen sein sollte und Arbeit mehr ist als eine Zahl in der Statistik, dann freue ich mich über eure Unterstützung. Bei der Kommunalwwahl am 8. März 2026 kandidiere ich auf Platz 35 im Team Niedermaier. Drei Stimmen für mich sind drei Stimmen für faire Arbeitsbedingungen, echte Vereinbarkeit und eine Stadt, die hinschaut und handelt. Vielen Dank für euer Vertrauen.

